jesus christ superstar

Jesus Christ Superstar, Raimund Theater – Wien

Jedes Jahr zu Ostern wird Jesus Christ Superstar auf diversesten Bühnen im deutschsprachigen Raum aufgeführt. Ich bin nach Wien gereist, um mir zum ersten Mal das Stück anzuschauen und Drew Sarich als Jesus in seiner Paraderolle zu erleben.

Vorher habe ich natürlich zur Einstimmung die Gesamtaufnahme aus dem Ronacher mit Drew Sarich von 2011 gehört, doch so richtig warm konnte ich nicht damit werden. Wahrscheinlich auch, weil ich generell keinen Bezug zur Kirche und Religion habe. Konnte mich die diesjährige Inszenierung überzeugen? Lies einfach weiter.

Jesus Christ Superstar – perfekt zur Osterzeit

Das Stück ist das erste Projekt von Andrew Lloyd Webber, der die Musik geschrieben hat, und Tim Rice, der für das Buch verantwortlich ist. 1971 wurde Jesus Christ Superstar zum ersten Mal am Broadway aufgeführt.

Worum geht’s?

Die Rockoper lehnt sich am Evangelium an und erzählt die Geschichte der letzten Tage im Leben von Jesus Christus.

Theater & Atmosphäre

Das Raimund Theater, das zweite Haus der VBW, ist kleiner als das Ronacher, doch ebenso schön mit seinen roten Plüschsesseln, die sehr bequem sind. Ich saß in der zwölften Reihe in der Mitte und hatte Glück niemanden vor mir sitzen zu haben, denn das Parkett ist relativ flach und nicht versetzt bestuhlt. Es war für meinen Geschmack genau die richtige Distanz zur Bühne. Man hatte alles im Blick und musste nicht wild hin und her schauen.

Die Besetzung

Die gesamte Besetzung war absolute Spitzenklasse. Einige möchte ich allerdings hervorheben:

Drew Sarich:  Wieder einmal weiß ich nicht genau, wie ich seine Darbietung in Worte fassen soll. Überwältigend trifft es wohl ganz gut. Gesanglich absolut einmalig (niemand schreit so schön) und schauspielerisch ebenso überzeugend. Wie habe ich mit ihm gelitten im zweiten Akt.

Nach dem Song „Gethsemane“ gab es tosenden Applaus und Standing Ovations und das zu recht. (Wer einen Eindruck bekommen möchte, dem lege ich dieses Video ans Herz)

Gino Emnes: Gino Emnes, den ich bislang nur als Lola in „Kinky Boots“ kannte, war ein hervorragender Judas. Obwohl ich anfangs ein wenig skeptisch war, da er für mich eher nicht die Rockröhre hat, hat er souverän die Rolle ausgefüllt. Besonders bei „Jesus Christ Superstar“ am Ende konnte er glänzen.

Filippo Strocchi: Mit nur zwei Auftritten im gesamten Stück hat er als Einziger bei mir Gänsehautmomente ausgelöst. Eine wundervolle Stimme und tolles Schauspiel. Man merkt ihm richtig an, wie unwohl bei der Auspeitschung Jesu mit jedem Schlag wird. Einfach nur grandios.

Sandy Mölling: Die ehemalige Sängerin der Girlband No Angels konnte gesanglich überzeugen, doch schauspielerisch hat sie mich nicht ganz abholen können.

Auch der Rest der Besetzung einschließlich des Chors waren absolut brilliant. Ich habe mich sehr gefreut viele Darsteller wieder zu sehen, die ich von Tanz der Vampire noch kannte.

Und der ganze Rest

Die halb-konzertante Inszenierung ist modern gehalten. Jesus Gefolgschaft laufen in Jeans und Turnschuhen herum, arbeiten mit Laptops und posten Selfies mit Jesus bei Social Media. Pilatus ist ein schnieker, golfspielender Geschäftsmann und die Priester haben etwas mafiöses in ihren schwarzen Anzügen.

Das Orchester saß auf der Bühne, was ich wirklich tool fand. So sieht man die tollen Musiker mal in Aktion.

Fazit

Es war eine grandiose Show, die mich vollkommen mitgerissen hat. Die moderne Inszenierung mag nicht jedem liegen, doch ich fand es sehr spannend. Und da die Darsteller teilweise während des Stücks auf der Bühne Handyvideos gemacht haben, die anschließend auf Instagram landeten, kam das Gefühl von Inception auf. Das fand ich schon cool.

Es wird sicherlich noch eine Weile dauern bis ich alle Eindrücke verarbeitet habe. Insbesondere die Auspeitschung und Kreuzigung waren schon heftig mitanzusehen. Ich habe mitgelitten, was nicht zuletzt auch an der herausragenden Darstellung von Drew Sarich lag.

Das Stück habe ich mir sicher nicht zum letzten Mal angesehen, insofern freue ich mich auf ein nächstes Mal.

Weitere Infos

Die aktuelle Spielzeit ist mittlerweile vorbei. Wer Drew Sarich als Jesus live erleben möchte, der hat 2020 an Gründonnerstag und Karfreitag die Gelegenheit im Capitol Mannheim. Karten sind bereits verfügbar.

Ansonsten kannst du dir die Gesamtaufnahme aus dem Jahr 2011 anhören. Die Gesamtaufnahme ist auf Spotify oder als Doppel-CD auf Amazon* erhältlich. Es bleibt zu hoffen, dass es eine Livevideoaufzeichnung geben wird, solange Drew die Rolle des Jesus noch spielt. Die Inszenierung aus diesem Jahr hätte es verdient gehabt.